Gericht/Institution:LG Limburg
Erscheinungsdatum:17.10.2019
Entscheidungsdatum:16.10.2019
Aktenzeichen:2 Ks 2 Js 59353/16
Quelle:juris Logo

Bewährungsstrafe wegen Todes der an Down-Syndrom und Diabetes leidenden Tochter

 

Das LG Limburg hat ein Ehepaar wegen fahrlässiger Tötung zum Nachteil seiner Tochter schuldig gesprochen und jeweils auf eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren mit Strafaussetzung zur Bewährung erkannt.

Die wegen unterlassener Hilfeleistung angeklagte Schwester der Geschädigten hat das Landgericht freigesprochen.

Nach den Feststellungen des LG Limburg kam die 21-jährige Geschädigte mit einem Down-Syndrom (Trisomie 21) zur Welt. Im Alter von etwa drei Jahren stellten die behandelnden Ärzte zudem fest, dass die Geschädigte an Diabetes Typ I litt. Die Versorgung ihrer behinderten Tochter hatten ihre Eltern übernommen. Ihnen gelang es, die Blutzuckerwerte vorbildlich einzustellen. Die angeklagte Mutter war Pharmazeutisch-technische Assistentin; der angeklagte Vater selbst Diabetiker. Die Familie lebte zuletzt sozial isoliert, war sehr religiös und richtete ihr Leben an einer wortgetreuen Exegese der Bibel aus. Bis zum Samstag, den 29.10.2016, traten keine erkennbaren gesundheitlichen Auffälligkeiten bei der Geschädigten auf. Am 29.10.2016 begann jedoch eine Stoffwechselentgleisung. Am Sonntag, den 30.10.2016, maß die angeklagte Mutter vormittags den Blutzuckerwert der Geschädigten. Dieser war zu hoch, woraufhin die angeklagte Mutter ihrer Tochter Insulin spritzte. Die Geschädigte schlief hierauf bis zum Mittag, wobei sie auf der Isomatte im elterlichen Schlafzimmer im ersten Stock des Hauses lag. Sie hatte weder ein eigenes Zimmer in dem geräumigen Familienhaus noch ein eigenes Bett. Gegen Mittag sah die angeklagte Mutter nach der Geschädigten und erkannte, dass sich diese blutig erbrochen hatte. Schon dies ist ein Alarmzeichen und hätte die Verständigung eines Arztes geboten. Stattdessen wurde die geschwächte Geschädigte die Treppe hinunter gebracht und auf die Wohnzimmercouch gelegt. Sie klagte über Übelkeit und Bauschmerzen. Die nachfolgende Nacht verbrachte die Geschädigte auf der Couch im Wohnzimmer. Im Laufe des Montags, den 31.10.2016, verstärkten sich die Symptome über Stunden dramatisch. Die Geschädigte wurde zunehmend lethargisch, von starker Übelkeit und Erbrechen betroffen. Ihr Bewusstsein trübte erkennbar ein. Sie befand sich in einer diabetischen Ketoazidose. Der lebensbedrohliche Zustand war hierbei objektiv erkennbar. Gleichwohl verständigten die Angeklagten weiter keinen Arzt. Gegen Abend fanden sich die Angeklagten gemeinsam im Wohnzimmer ein. Sie entkleideten die Geschädigte und hüllten sie auf dem Sofa liegend in eine Decke ein. Als das Herz der Geschädigten nicht mehr schlug, verständigten die Angeklagten den Notarzt. Wäre der Notarzt bereits zu einem früheren Zeitpunkt verständigt worden, wäre es nicht zum Tod der Geschädigten gekommen. Nicht aufgeklärt werden konnte, aus welchen Motiven die Angeklagten davon absahen, früher einen Notarzt zu verständigen.

Das LG Limburg hat mitgeteilt, dass die Kammer auf Grundlage des festgestellten Sachverhaltes keine qualifizierte Mehrheit (mindestens 4 zu 1 Stimmen) für eine Verurteilung der Eltern wegen einer vorsätzlichen Tötung oder wegen einer fahrlässigen Tötung gefunden hat. Daher war nach dem milderen Gesetz zu verurteilen.

Für eine Verurteilung wegen einer vorsätzlichen Tötung sprachen 3 zu 2 Stimmen. Für eine Verurteilung wegen einer fahrlässigen Tat sprachen 2 zu 3 Stimmen. Der Umstand, dass das Abstimmungsergebnis offengelegt wurde, hat verfahrensrechtliche Gründe.

juris-Redaktion
Quelle: Pressemitteilung des LG Limburg v. 16.10.2019


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